St. Brictius, 28.10.2013. Sicherlich: Die Motetten, Choräle und Hymnen sind Werke mit Text und Aussage. Aber der Gesang, den die Regensburger Domspatzen am Montagabend in der Schöppinger Brictiuskirche aufführten, vermittelte mehr als das, was man in Worte fassen kann.
Ihre Musik hatte etwas Transzendentes. Das lag zum einen an der Kunst der Komponisten; zum anderen aber auch daran, wie die 60 jungen Sänger die Noten in Metaphysik verwandelten. Allein mit der gemeinschaftlichen Kraft ihrer Stimmen. Und obwohl die Werke aus fünf Jahrhunderten stammen, vermittelten alle Kompositionen diese zusätzliche Dimension.
Das fing mit der überirdisch schönen Musik von Orlando di Lasso an. Die polyphonen Gewebe dieses großen Renaissance-Komponisten sind schlicht und überwältigend zugleich.
Im Kontrast dazu das moderne Stück „Die Frage nach dem Geist“ des Tschechen Petr Eben. Da raunten und flüsterten Stimmen durcheinander und schufen eine geheimnisvolle Atmosphäre.
Wie unterschiedlich ein Choraltext vertont werden kann, zeigte sich an „Befiehl du deine Wege“, das einmal in der barocken Fassung Bachs und zuvor in der Bearbeitung des zeitgenössischen Komponisten Enjott Schneider erklang. Auch vierstimmig, aber in der Ausformung etwas freier als bei Bach, der den selbst auferlegten, strengen kompositorischen Vorgaben folgte.
Es war interessant, dem Dirigat von Domkapellmeister Roland Büchner zu folgen: Er lockte seine Sänger mit Blicken und Gesten, forderte die unentbehrliche Spannung, dämpfte mit kleinen Fingerzeig die, die in seinen Ohren zu vorwitzig vorzupreschen drohten, gab mit einem kurzen Nicken seiner Zufriedenheit Ausdruck. Und dazu hatte er durchgehend Anlass: Der Gesang zeichnete sich durch Klangreinheit und hohe Textverständlichkeit aus.
Wunderbar, wie der Chor mit den räumlichen Dimensionen umging. Bei Schütz‘ „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ teilte sich das Ensemble in drei vierstimmige Chöre auf, die sich im Raum verteilten. Auch später wurde dezent mit Hall und Echowirkungen gespielt.
Orgelmusik bildete ein kurzes Intermezzo. Den Geist der Romantik vermittelte Bruckners „Ave Maria“. Das „Vater unser“ von Maurice Duruflé schillerte in dezenten Klangfarben, Benjamin Brittens sanfte „Hymn to the Virgin“ fügte dem Konzert eine weitere Facette moderat-moderner geistlicher Musik hinzu.
Vielleicht, um nach dem Ausflug in höhere Sphären den Übergang zum Alltag zu erleichtern, endete das Konzert mit dem rhythmischen „Cantate Domino“ von Vytautas Maskinis. Die Zuhörer wurden quasi sachte geerdet. Ein großartiges Konzert endete nach 100 Minuten mit dem Lied „Guten Abend, gute Nacht“ als Zugabe und stehenden Ovationen der Zuhörer.
(Quelle: Westfälische Nachrichten, 30.10.2013, Martin Borck)