Altes Rathaus, 20.01.2013. In der klassischen Musik hĂ€lt man sich ĂŒblicherweise nicht mit Kleiderfragen auf. Nicht, was der KĂŒnstler trĂ€gt, ist wichtig, sondern wie – und vor allem wie gekonnt – er oder sie das Werk eines Komponisten interpretiert. An diesem Kleid aber kann man nicht vorbeisehen: hauteng, hochgeschlossen, Ă€rmellos und schulterfrei, feuerrot und mit ebensolchen Pailletten bestickt, die sich wie Flammen nach oben zĂŒngeln.

Der Kontrast, den Gerlint Böttcher schon rein optisch zum tobenden Schneesturm draußen vor den Fenstern des alten Rathauses in Schöppingen bietet, ist dramatisch.

 

Vermutlich sollte der Effekt ein anderer sein: Das Kleid unterstreicht auch ohne Schneegestöber im Hintergrund die Botschaft des von Böttcher so geliebten und hierzulande bis dato kaum bekannten tschechisch-österreichischen Komponisten VĂĄclav Vorisek. Der Zeitgenosse Franz Schuberts brachte seine Herkunft deutlich vernehmbar in seine Kompositionen ein, auch wenn die meisten davon in Wien entstanden. Dabei attestierte ihm VHS-Direktor Dr. Nikolaus Schneider, der die GĂ€ste auch im Namen des Co-Veranstalters „Freundeskreis Schöppinger Konzerte“ begrĂŒĂŸte, eine Seelenverwandtschaft mit Schubert.

Nicht umsonst hat sich die Konzertpianistin und Dozentin an der Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin diesen Komponisten auserkoren. Er passt zu ihr wie das Kleid. Von beinahe puppenhafter Erscheinung mit erstaunlich kleinen HĂ€nden vermittelt Böttcher mit einer ihr eigenen Spannkraft, die an eine Leistungsturnerin denken lĂ€sst, ungeahnt große, musikalische Energie. Schnelle, flinke, kleine und glasklare Töne entlockt sie dem FlĂŒgel im alten Ratssaal. Und wĂ€hrend vor dem Fenster die Flocken dicker und dichter fallen, werden bei ihrer Interpretation von Listz-EtĂŒden die Töne breiter und weicher, die Klangwolken voluminöser. Nicht mit großem Gestus, sondern mit hörbarer Nuancierung im Detail verleiht sie jedem der von ihr interpretierten Komponisten eine eigene Klangfarbe.

Schuberts Impromptus, von denen Böttcher drei spielt, ist die typische AtmosphĂ€re der Romantik deutlicher zu eigen als Voriseks Rhapsodien – mal tĂ€nzerisch anmutend, mal lyrisch und getragener im Ton, auch wenn angenommen wird, dass Schubert sich hier von Vorisek inspirieren ließ.

Felix Mendelssohn-Bartholdys „Variations sĂ©rieuses“ – er möge es verzeihen – sind da fast ein wenig des ernsthaft Guten zu viel am Ende eines denkwĂŒrdigen Konzerts. Da tut es wohl, dass sich Böttcher nach verdienten stehenden Ovationen mit einem augenzwinkernden „Guten Abend, gut’ Nacht“ von ihrem Publikum verabschiedet.

Und der Schnee bildet die perfekte Kulisse fĂŒr das Nachklingen der Musik auf dem Heimweg.

(Quelle: WestfÀlische Nachrichten, 23.01.2013, Christiane Nitsche)